Die Schatzkiste mit den magischen Kerzen

Die Schatzkiste mit den magischen Kerzen

Du blickst auf die kleine hölzerne Kiste hinab. Sanft hängt ihr noch der Geruch nach Eukalyptus-Schnaps an, den der Fremde in der schäbigen Hafenkneipe verströmt hat. „Hey Landratte!“ Nach dieser groben Einleitung tischte er Dir eine haarsträubende Geschichte zu der unscheinbaren Kiste auf. Ein gefährliches Abenteuer erwarte den Besitzer, aber mit einer Belohnung am Ende, die alle Deine Vorstellungen übertreffen würde, das waren seine Worte.

Es ist eine fummelige Angelegenheit, aber nach einer Weile entschlüsselst Du den Mechanismus, der die Kiste verschlossen hält. Ihr Inhalt ist überraschend. Zwei einfache Kerzen, eine grüne und eine goldene. Dazu ein Zettel mit kaum entzifferbarer Schrift.

Die Reihenfolge ist entscheidend. Gier wird dein Untergang sein.

Du blickst auf die beiden Kerzen hinab. Nach einigen Sekunden des Zögerns greifst Du nach der grünen Kerze. Ehe Du es Dir anders überlegen kannst, nimmst Du Deine Streichhölzer zur Hand und entzündest die Kerze.

Erst geschieht nichts und Du atmest beinahe erleichtert auf. Doch dann verschwimmt der Raum um Dich herum. Die grauen Wände der billigen Absteige lösen sich auf wie Nebel und auf Einmal ist alles um Dich herum grün. Die Luft riecht warm und feucht. Riesige Pflanzenblätter schlagen Dir ins Gesicht als Du Dich verwirrt umschaust. Wenn Du es nicht besser wüsstest würdest Du sagen, dass Du Dich in einem Urwald befindest. Dann hörst Du das ohrenbetäubende Brüllen, das Stampfen und plötzlich spürst Du Dich rennen, durch das Gestrüpp, so schnell Du kannst, während ein Ungetüm Dich verfolgt.

Du rennst durch den Dschungel, überspringst Äste und Sträucher, strauchelst und fängst dich wieder, bis Deine Lungen brennen und die Angst Deinen Ohren rauscht. Die gewaltige Präsenz des Sauriers kommt unnachgiebig näher. Als du schon glaubst dass Deine Beine Dich keinen Meter weiter tragen können, stolperst Du über eine Wurzel. Mit einem Schrei prallst Du auf dem Boden auf. In der Gewissheit, von dem Urtier gefressen oder zertrampelt zu werden, reißt Du die Augen auf und findest Dich auf dem Holzboden Deiner Kammer wieder. Allein, schwer atmend und mit klopfendem Herzen.

Du setzt Dich auf und siehst Dich gehetzt um. Vom Urwald und Ungetüm keine Spur. Das Brüllen des Monsters hallt noch in Deinen Ohren wieder. Während sich dein Atem langsam wieder beruhigt, fällt Dir auf, dass die grüne Kerze komplett nieder gebrannt ist. Die goldene Kerze liegt unangetastet daneben. Der alte Seemann hatte von einer Belohnung gesprochen. Mit zitternden Händen greifst Du nach den Streichhölzern. Erst mit dem dritten Streichholz schaffst Du es, die Kerze zu entzünden.

Dieses Mal überrascht es Dich nicht, als der Raum um Dich herum verschwimmt. Mit grimmiger Entschlossenheit schaust Du Dich um. Es verschlägt Dir den Atem. Du befindest Dich in einem Raum, dessen Wände von roten Samtvorhängen verhüllt sind. Um Dich herum stapeln sich Schätze. Goldmünzen, Edelsteine, kostbare Stoffe, ein Vermögen jenseits Deiner Vorstellungskraft. Wie versprochen. Doch als Du die Handsstreckst, um eine Goldmünze aufzuheben, fährst Deine Hand hindurch wie durch Nebel. Verwirrst blickst Du Dich um und stellst fest, dass keiner der Schätze real ist. Nur ein Gegenstand in dem Raum scheint Substanz zu haben. Du gehst auf den großen silbern schimmernden Spiegel zu und stellst Dich davor auf. Dein konzentrierter Blick weicht einem Lächeln, als Dir die Bedeutung der Vision klar wird.

Du bist der Schatz.


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